Epilog: Einfach zauberhaft! Die erste Zeit nach securPharm

Wir schreiben das Jahr 2020, gut ein Jahr nach Einführung von securPharm, einem System, das die Apothekenwelt revolutionierte. In Deutschland wenigstens, denn wir deutschen Apotheker waren die ersten in Europa, die die Richtlinie so derart mit Leben erfüllten, dass weder die Kirche im Apothekendorf noch ein Stein auf dem anderen blieb. Und das noch lange vor den Folgen des Spahn-Pakets. Was war passiert?

Es dauerte nur wenige Wochen, bis die erste potenzielle Fälschung in den Apotheken auftauchte. Es hatte eine gute Bekannte von mir „erwischt“: Keine Verifizierung möglich, Charge mit Verfalldatum über dem von Bestandsware. Ganz klarer Fall für die interne Klärungsschleife. Funktionierte auch super, nach nur wenigen Stunden bekam sie von der NGDA zur Antwort, dass sie selber beurteilen muss, ob es sich um eine Fälschung handeln könnte. Ach echt??? Das war ja mal eine Erkenntnis! Aber es wurde noch besser: Bei der Klärung könne die NGDA nicht helfen. Sie solle doch selbst das Verfalldatum hinzuziehen. Wenn es unter 10/21 liegen würde, wäre es eine nicht verifizierungspflichtige Bestandspackung. Sie hatte 12/21… Und genau deshalb ja auch die Klärungsanfrage gestellt!

Aber man soll nicht immer alles schlecht reden. Oder schreiben. Immerhin hatte sich securPharm als wahrer Jobmotor erwiesen und wir wurden nun regelmäßig in der Tagesschau und bei SPD-Parteitagen als Jobmotor des Jahres gefeiert! Angefangen hatte es damit, dass die Apothekenmitarbeiter meist sehr hilflos und inkompetent wirkten, wenn sie vor den Augen der Kunden auf den Medikamentenpackungen nach der Seite mit dem richtigen Data Matrix Code suchten.  Beim Warten an einer von vagabundierenden Kleinkünstlern besetzten roten Ampel kam mir die Idee, doch den einen oder anderen langzeitarbeitslosen Künstler für die Apotheke anzuwerben.

Damit entstand eine echte Win-Win-Situation (Wann hat man das als Apotheker schon mal?!), denn diese jungen, desillusionierten Männer und Frauen aus dem Bereich der Illusion tauschten das Jonglieren und Zaubern auf Kindergeburtstagen gerne gegen eine Festanstellung in der Apotheke ein, um dort schnell und geschickt sowie fast unbemerkt von den Kunden vor deren Augen nach dem securPharm-Code auf den Packungen zu suchen und diesen unbemerkt gegenzuscannen.

Meine Mitarbeiter gewannen dadurch wertvolle Zeit und Kompetenz, die sie zum Abarbeiten pharmazeutischer Beratungskanons nutzten, denn die Kunden ließen diese Fragekaskaden, die jedem NDR-Test und report-Reportern Stand hielten, gerne über sich ergehen, wenn die geschickten Illusionisten die eine oder andere Arzneimittelpackung hinter dem HV-Tisch verschwinden und hinter dem Ohr des Nachbarkunden wieder auftauchen lassen.

Gut, ich muss zugeben, dass es anfangs etwas Probleme mit den Aufsichtsbehörden gab, ob es sich beim Jonglieren und Zaubern um pharmazeutische Tätigkeiten oder gar das unerlaubte Abgeben von Arzneimitteln durch Nichtpharmazeuten handeln könnte, aber nachdem wir im QMS festgelegt haben, dass ein pharmazeutischer Mitarbeiter die Packungen vor der Abgabe letztmalig berühren muss, sind diese Bedenken ausgeräumt. Seitdem packen die Apotheker die Arzneimittel fleißig in die mitgebrachten Baumwollbeutel der Kundschaft. Ganz vegan und klimaneutral. Und im Gegensatz zu sonst sind auch die Sommerferienzeiten völlig unproblematisch, denn da beschäftigen wir jede Menge europäischer Austausch-Magier, die unser und ihr Leben hier unheimlich bereichern.

Einige Kunden sind trotz aller kunstvollen Verrenkungen in ziemlicher Sorge um die Echtheit ihrer Arzneimittel oder werden vor allem bei Valsartanpackungen und anderen Kontingentartikeln ziemlich ausfallend, wenn wir direkt vor ihren Augen das bereits sichtbare Arzneimittel wieder verschwinden lassen müssen, weil die Verifizierung nicht erfolgreich verläuft. Daher haben wir zu ihrer und unserer Sicherheit ein joint-venture mit einer stadtbekannten security-Firma aufgebaut, die uns von der Arbeitsagentur empfohlen worden ist, weil Arbeiten für Drogenverkäufer ja fast das gleiche sei wie Arbeiten für Drogendealer. Dank oder trotz dieser zweifelhaften Qualifikation hat sich diese Zusammenarbeit als sehr erfolgreich erwiesen, denn unliebsame Kunden können so schnell und diskret aus der Apotheke entfernt werden.

Ich bin dafür nur noch selten in der Apotheke, weil ich regelmäßig Termine habe, die ich vor securPharm nicht brauchte. Wahrscheinlich habe ich inzwischen mehr Berater als Ursula von der Leyen, denn ich brauche einen Finanzberater, einen Steuerberater, einen Unternehmensberater und wahrscheinlich auch bald einen Insolvenzberater, wenn sich die Anzahl der nicht verifizierten, aber dennoch bezahlten Arzneimittelpackungen weiter so erhöht wie bisher. 1000 ungelöste Fälle warten darauf, entheddert zu werden. Ich komme mir manchmal vor wie im K11 oder bei der Autobahnpolizei. Zu den vielen mystery cases gesellen sich weniger mysteriöse Zahlungsaufforderungen der Lieferanten. Und jede Menge Ordnungswidrigkeitsverfahren, weil wir dennoch potenziell gefälschte Ware abgegeben oder die Abgabegründe nicht ausreichend dokumentiert haben.

Ich gelobe jedesmal Besserung, miete einen neuen Meter Aktenlagerfläche, ergänze das QMS und bestelle alle Mitarbeiter zur Nachschulung, während vorne im HV die Magier ihres neuen Amtes walten.

Drrrrr, kling, klong! Aufstehzeit! Oh, aus der Traum. Welch ein Glück!