Run DMC – oder wie mit Sicherheit Manches daneben geht

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Prolog:

Wir schreiben den Tag 4 vor der Einführung von securPharm, einem System, das alles besser machen soll. Oder zumindest sicherer. Theoretisch. Eigentlich soll es durch neue Data-Matrix-Codes („DMC“) vor dem Eindringen von Arzneimittelfälschungen in die legale Arzneimittellieferkette schützen. Dumm nur, dass die meisten Fälschungen eher über illegale Kanäle eingespeist wurden. Oder gleich im Darknet oder zumindest im Graumarkt vertrieben wurden. Noch dümmer, dass Lieferengpässe und Qualitätsprobleme von Billigproduzenten derzeit in den Apotheken viel mehr Sorgen bereiten, als Arzneimittelfälschungen, aber egal. EU-Richtlinie ist EU-Richtlinie! Wir lieben die Bürokratie und Brexit ist ja auch nicht die Lösung.

Praktisch verifiziert der „DMC“ von securPharm vor allem die Echtheit des Kartons und schützt so wohl eher vor dem Eindringen zu langsam gefälschter Pappkartons in die Apotheken. Weil man gemerkt hat, dass der Data-Matrix-Code nur den Pappkarton, nicht aber seinen Inhalt, „unique identified“, also einzigartig definiert, hat man noch einen Klebestreifen als Fälschungsschutz hinzugefügt, den man wohl nur aus Wettbewerbsgründen nicht „tesa-film“, sondern „Erstöffnungsschutz“ genannt hat, denn erstaunlicherweise ist sein Aussehen in keinster Weise definiert. Na immerhin schützt er vor dem Herausfallen der Pillen aus den Packungen.

Wir sind auf jeden Fall vorbereitet in den Apotheken. Schließlich sind wir ja bekannt dafür, selbst den größten Murks irgendwie gangbar zu machen. Also wurde in der Apotheke vor gut zwei Wochen die extra für securPharm neu gekaufte Hardware von Fachleuten entsprechend teuer installiert („securPharm kostet nichts, denn einen Scanner hat ja jeder“), weil die Data-Matrix-Codes nur von neueren Scannern gelesen werden. Die brauchten wir bisher für die herkömmlichen Balkencodes nicht, aber ich fühle mich gleich total digital und 21. Jahrhundert damit, denn wirklich: Die neuen Geräte lesen auch jetzt schon alle gut gedruckten Testcodes! Wahnsinn! Welch Fortschritt!

Ok, ok, die weniger sorgfältig gedruckten Codes werden von der hochsensiblen Technik nicht erkannt, aber das macht fast gar nichts, da wird halt der Code per Hand eingegeben, weil er ja vielleicht doch nicht gefälscht, sondern nur billig gedruckt ist. Noch sind es ja bloß acht Stellen für den alten Balkencode. Erst wenn securPharm so richtig an den Start geht, sind es dann zwanzig. Kein Problem, schließlich haben wir auch die Einführung der IBAN überstanden und können nun Zahlenkolonnen problemlos und fehlerfrei abtippen. Ich habe dennoch für die Mittagspause Fingerübungen in der Apotheke angeordnet.

Außer den schlecht gedruckten Matrix-Codes werden auch die älteren Balkencodes auf einigen Freiwahlartikeln oder Rückstellhüllen nicht mehr gelesen, die wir zwar tagtäglich brauchen, die aber nichts mit Sicherheit zu tun haben. „Liegt an der Software“, sagen die Tech-Nicker. „Liegt an der Technik“, sagen die Schulungsmitarbeiter. Liegt also auf Wiedervorlage, sage ich als Apothekenleiterin und scanne weiter fleißig vor mich hin, um das System auszutesten. Und meine Leidensfähigkeit, denn schon bald steigt einer der neuen Scanner aus. Kein Problem, statt in einer Warteschleife zu hängen, füllt man einfach ein „Ticket“ aus und schickt das an die Hotline, die früher „Papierkorb“ hieß. Wenigstens die füllt sich so.

Gut, dass ein technisch begabter Ehemann vorher herausbekommen hat, dass der neue Scanner einfach nur die Schnittstelle des alten Rechners überfordert hat. Zu viele USB-Geräte. Ein einfacher Hub hilft da schneller weiter als die Hotline, die immerhin nach schon knapp drei Wochen das Ticket bearbeitet. „Sie haben Probleme mit einem Scanner?“ Drei Wochen ist für Berliner Verhältnisse übrigens eine gute Antwortzeit. Wir öffnen eine Flasche Sekt zur Feier.

Inzwischen sind es nur noch zwei Tage und wir haben immer noch keine „richtige“ securPharm-Software. Die teure Apothekensoftware, die wir extra für den securPharm-Start kaufen mussten, um die tollen features der Richtlinie so in Gänze auskosten zu können, ist also nicht annähernd so gut vorbereitet wie wir. Waren ja auch nur etwa drei Jahre Zeit für die Programmierung. Auch Weihnachten kommt immer so plötzlich. Also üben wir noch nichts, sondern drehen Däumchen. Sind auch gute Fingerübungen. Und unsere Standesvertretung sagt und schreibt auch nichts dazu. Dann ist ja alles gut.

Wir füllen die Wartezeit außerdem mit unserem neuen Hobby: der Dokumentation, denn die neue Software kann nicht nur securPharm noch nicht, sondern hat auch die Kassennachschau für das Wechselgeld verlernt. Ok, wir können unsere Wechselgeldbestände jetzt nicht mehr finanzamtskonform elektronisch erfassen, aber dafür 2D-Codes lesen. Das wird das Finanzamt bestimmt verstehen, die sind ja auch total auf dem Digitaltrip und Hauptsache, die Pappkartons der Arzneimittel sind echt! Sicherheitshalber fülle ich trotzdem wieder ein Ticket für die Hotline aus.

In der Apotheke steigt dafür Stunde um Stunde die Spannung und die Stimmung („Wann kriegen wir endlich eine Schulung?“), schließlich sind es nur noch zwei Tage bis zum Tag „X“. Oder besser „S“ wie securPharm, der D-Day für Apothekensoftware, denn pünktlich vor dem Feierabend stirbt das Programm ab. Oder eher der Server. Außer dem Wechselgeld können wir nun also auch die normale Kasse nicht abschließen. Egal, Karl. Bei der Hotline ist natürlich niemand erreichbar, was ein absolut untrügliches Zeichen dafür ist, dass es entweder Wochenende ist oder die neue securPharm-Version aufgespielt wird.

Und tatsächlich: Am nächsten Morgen ist die „echte“ securPharm-Version da! Und mit ihr zusammen gut 39 Seiten Handbuch! Heureka, das wird ein Spaß! Noch ist ja einen Tag Zeit!


 

Im nächsten Newsletter könnt Ihr lesen, wie es in der Apotheke einige Monate nach der Einführung von securPharm aussehen könnte.

Und hier kann man lesen, was wir bereits vor Jahren (2013) wussten.

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