Evidenzbasierte Pharmazie sinnvoll umsetzen!

Bildquelle: Robert Lorra
Bildquelle: Robert Lorra

Gemeinsam mit anderen Berliner Kollegen und in Zusammenarbeit mit Kollegen des VdPP Hamburg ist ein Antrag zum diesjährigen DAT 2014 entstanden, der die Förderung der evidenzbasierten Pharmazie vor allem in der Selbstmedikation zum Gegenstand hat, um damit eine Forderung des „Perspektivpapiers Apotheke 2030“ umsetzen zu können. Lesen Sie hier den gesamten Antragstext: DAT-Antrag-2014-EbPharm

DER ANTRAG WURDE AM 19.9.2014 VON DER HAUPTVERSAMMLUNG DER DEUTSCHEN APOTHEKERINNEN UND APOTHEKER ANGENOMMEN! 

An dieser Stelle einen großen Dank an alle, die mitgeholfen haben, dieses wichtige Thema, das unsere heilberufliche Kompetenz gerade auch in der Selbstmedikation stärkt, voran und auf einen guten, praxistauglichen Weg zu bringen, sei es bei der Erstellung des Antrags, bei der sachlichen Diskussion und Berichterstattung im Vorfeld und bei der sehr ernsthaften und sachorientierten Diskussion auf dem DAT selbst. Das zeigt, dass wir Apotheker reif und bereit sind, die Verantwortung für eine gute Arzneimittelversorgung und eine wissensbasierte Beratung noch stärker als bisher zu übernehmen!

Mein ganz besonderer Dank gilt dabei auch Frau Mühlbauer vom VdPP Hamburg, die bei mir den „Keim“ für den Antrag gesetzt und in vielen Diskussionen die Vorzüge und Grundlagen der evidenzbasierten Pharmazie nahegebracht hat und zudem einen entscheidenden Anteil daran hatte, einen gemeinsamen, konsensfähigen Text zu entwickeln!

Sowohl der Antrag als auch das Thema „Evidenzbasierte Pharmazie“ haben bereits im Vorfeld des DAT viel Interesse und Fragen hervorgerufen, was zeigt, dass es jede Menge Informationsbedarf und Unsicherheit bei dem Thema gibt. Wir möchten Ihnen daher hier weitere Informationen geben und auf einige häufig gestellte Fragen antworten. Scheuen Sie sich jedoch nicht, weitere Fragen an uns über das Kontakt-Formular zu stellen.

 

  • Wie kam es zu diesem Antrag und der eher ungewöhnlichen Zusammenarbeit zweier sehr unterschiedlicher Gruppen? Wir haben „einfach“ die Leitbild-Diskussion ernst genommen und auf privater Ebene länderübergreifend weiterdiskutiert. Dabei haben wir uns einerseits gefragt, wie die Apotheker die Forderung des Perspektivpapiers, zukünftig „grundsätzlich evidenzbasiert zu versorgen“ überhaupt umsetzen sollen, wenn sie keine Daten dazu haben (und warum diese Forderung dann in dem Papier steht…) und andererseits festgestellt, dass wir gerade mit der evidenzbasierten Pharmazie eine Möglichkeit sehen, die Beratung der Kunden bei der Selbstbehandlung zu verbessern und auf eine „naturwissenschaftlichere“ Basis zu stellen als bisher, wenn das einfach und praxisnah möglich wird. Damit wirken wir letztendlich auch einer Trivialisierung der Selbstmedikation entgegen, bei der die Auswahl allzu häufig (auch vom Kunden) nur auf den Preis reduziert wird. Damit hatten wir einen gemeinsamen pharmazeutischen Nenner gefunden und beschlossen, diesen in einen Antrag beim diesjährigen DAT fließen zu lassen, damit uns Apothekern nicht etwas ins „Stammbuch“ (Perspektivpapier) geschrieben worden ist, was wir überhaupt nicht umsetzen können.
  • Was will der Antrag erreichen? Nachdem das Perspektivpapier mit der Formulierung, „grundsätzlich evidenzbasiert zu versorgen“ ein klares Bekenntnis zur evidenzbasierten Pharmazie enthält, geht es nicht mehr um das „Ob“, sondern um das „Wie“ und „Wann“. Wir wollen mit dem Antrag erreichen, dass wir alle die Forderungen des Perspektivpapiers umsetzen können und daher in absehbarer Zeit allen Kollegen Zugang zu „vernünftigen“ Evidenzdaten verschaffen, indem die Daten aufgearbeitet, vielleicht auch übersetzt, kategorisiert und verfügbar gemacht werden. Praxisnah, unbürokratisch, WIRKSTOFFBEZOGEN und hilfreich. Damit kann der Antrag auch der Startschuss für eine Verbreitung der evidenzbasierten Pharmazie in Deutschland sein.
  • Was ist zu tun? Was wird das kosten?
    Insgesamt sehen wir sowohl die Aufarbeitung und Bereitstellung der Daten als auch die Etablierung evidenzbasierter Methoden in der Pharmazie als einen mehrjährigen Prozess an, mit dem wir jetzt den Startschuss setzen, um vielleicht auch vor 2030 damit „fertig“ zu sein … Wobei „fertig“ ist höchstens der Prozess, die Aufarbeitung und Bereitstellung der Daten ist ein Dauerprozess.

    1. Zunächst sind die Begriffe „Evidenz“ und „Evidenzbasierte Pharmazie“ ganz klar vom Berufsstand respektive der BAK zu definieren, um sich daran bei der weiteren Tätigkeit zu orientieren. Dazu gibt es in anderen Ländern, aber auch bereits in Deutschland nicht nur beim Netzwerk evidenzbasierte Medizin (mit dem Fachbereich Pharmazie) hervorragende Vorarbeiten, auf denen aufgebaut werden kann.
    2. Um einfach nutzbare Evidenzdaten für die Selbstmedikation für alle Kollegen zur Verfügung zu stellen, sind zunächst von einem unabhängigen pharmazeutischen Expertengremium (AMK?) Kriterien für die Einteilung der verfügbaren Studien in Evidenzklassen festzulegen. Auch hier kann man auf der Klassifizierung des Netzwerkes EbM oder der AWMF-Leitlinien der ärztlichen Fachgesellschaften aufbauen oder auch von den Erfahrungen der Kollegen des embryotox-Modells profitieren. Dieser Aufstellung von Regeln für die Klassifizierung von Studien und Daten kommt eine große Relevanz zu, da darauf die Anwendung sowie der Nutzen der Evidenzdaten aufbaut.
      Evidenzklassen des EbM-Netzwerkes
    3. Anschließend beginnt die anstrengende Arbeit der Auswertung oder Klassifizierung vorhandender Studien über OTC-Wirkstoffe oder -Arzneimittel nach den festgelegten Kriterien. Dazu können die Daten der Cochrane Collaboration, aber auch andere zugängliche Studien verwendet werden. Auch hier ist noch festzulegen, wie viele Studien in welcher Reihenfolge bearbeitet werden können/sollen und mit welchen OTC-Gebieten begonnen wird. Die Arbeitgsgeschwindigkeit wird natürlich über die verfügbare „Manpower“ reguliert und lässt sich sicherlich auch über einige Doktorarbeiten verstärken. Aber über die personelle Ausstattung dazu entscheidet letztendlich der Berufsstand. Wenn wir uns viel Zeit lassen, sind wir lediglich mit etwa 50 T€ dabei, wenn wir schneller vorankommen wollen, kostet es mehr. Außer den Kosten für die Klassifizierung der Studien entstehen natürlich auch EDV-Kosten, um die Daten verfügbar zu machen. Gelingt es, diese in die bestehende Struktur der ABDA-Datenbank einzufügen, werden voraussichtlich die Kosten geringer und der Nutzen höher sein als beim Aufbau einer eigenen Datenbank. Eventuell ist auch eine Verlinkung mit bereits vorhandenen Datenbanken möglich. Dieser Teil des Projektes wird einiges an Zeit und Geld für die Anlaufphase benötigen. Später sind „lediglich“ Pflege- und Wartungskosten zu kalkulieren, die im Bereich dessen liegen sollten, was bei der Pflege der Daten für die ABDA-Datenbank angesetzt wird.
    4. Nach der Klassifizierung gilt es, diese Daten praxistauglich nutzbar zu machen. Ideal wäre eine Einbindung in die ABDA-Datenbank (siehe 3.), so dass das Vorhandensein von Studien für den Beleg von Nutzen oder „Schaden“ (also Nicht-Nutzen) eines Wirkstoffes leicht erkennbar ist. Man könnte das über einfache Pictogramme, Zahlen oder ein Farbsystem gestalten. Damit wird KEINE Bewertung der allgemeinen Eignung des Präparates abgegeben! Es wird „lediglich“ gezeigt, dass es Studien gibt, die mit guter Datenlage bei einer bestimmten Fragestellung Antworten geben und daher sinnvollerweise bei der Auswahl berücksichtigt werden sollten. Lehnt ein Kunde/Patient ein Präparat mit diesem Wirkstoff jedoch ab, ist es nicht „verboten“, ein Präparat mit schlechterer Evidenzlage abzugeben, wenn es in dieser Situation und für diesen Kunden eben zu einem besseren Ergebnis führt. Denn Pharmazie ist genauso individuell wie die Menschen, die sie nutzen!
    5. Wenn klar ist, wie die Umsetzung aussehen kann, ist es auch Zeit für Fortbildungen. Dabei muss das Grundwissen der „älteren“ Apotheker-Generation hinsichtlich der verschiedenen Studienarten insofern aufgefrischt werden, dass die unterschiedlichen Typen und ihre unterschiedliche Relevanz deutlich werden und Verständnis dafür vorhanden ist. Der Apotheker muss nicht unbedingt in der Lage sein, alle Studien selber zu klassifizieren. Für diese Arbeit fehlt im Alltag auch die Zeit, deshalb soll das ja von einer standeseigenen Organisation übernommen werden.  Wichtiger und spannender sind Fortbildungen zu Anwendung und Nutzen von Evidenzdaten auch im Alltag, denn nichts ist trauriger, als „potemkinsche Dörfer“, die aufgebaut werden, weil es „irgendwo so steht“, aber dann nicht „bewohnt“ werden. Die Einbindung von Evidenzdaten bei der Auswahl von Arzneistoffen bzw. Arzneimitteln sollte irgendwann genauso selbstverständlich sein wie die Nutzung des pharmakologischen Wirkprinzips, des Geschmacks, der Anwendungsfreundlichkeit und des Preis-Leistungs-Verhältnisses. Als Naturwissenschaftler mit Hochschulstudium steht uns die Nutzung einer derartigen, wissensbasierten Methodik gut an, weshalb wir sie auch ohne Fortbildungszertifikat oder Fachapotheker verstehen sollten.
    6. Die Verwendung oder Anwendung von evidenzbasierter Pharmazie sollte dann auch Einfluss in die BAK-Leitlinien zur Selbstbehandlung finden. Damit ist NICHT gemeint, dass eigene Leitlinien für die einzelnen OTC-Bereiche entstehen sollen, sondern „lediglich“, dass die BAK-Leitlinie zur Beratung in der Selbstbehandlung um den Punkt „Evidenz“ ergänzt wird.
  • Was wollen wir NICHT? Wir wollen keine Therapieleitlinien für die Selbstmedikation, die zu einer „Knopf-Druck-Anwendung“ verführen und „Pharmazie von der Stange“ zur Folge hätten! Menschen und Patienten sind keine Klone, für die es nur „ein richtiges“ Standardmedikament gibt, Pharmazie gibt es nicht von der Stange, unsere Beratung ist individuell und situationsgerecht! „Evidenzbasierte Pharmazie“ reduziert sich eben nicht auf die alleinige Auswahl nach Evidenz, sondern heißt Nutzung von Evidenzdaten unter Einbindung der Erfahrungen des Apothekenteams und Berücksichtigung der individuellen Situation des Patienten. Evidenz anzuwenden, bedeutet kein „Abgabeverbot“ von Präparaten, die keine oder für bestimmte Fragestellungen sogar eine schlechte Evidenz haben, wenn es in bestimmten Situationen für den Patienten dennoch sinnvoll sein kann. Manchmal ist für einen Kunden die Bewertung der Kriterien „guter Geschmack“, „einfache Anwendung“ oder „günstiger Preis“ einfach wichtiger als die gute Datenlage. Aber für einen naturwissenschaftlichen Heilberuf gehört dieses Kriterium einfach dazu.